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Zeitzeuge zu Gast

Das Buch „Vor allen Dingen war ich ein Kind. Erinnerungen eines jüdischen Jungen aus Pirna“ von Esra Jurmann war dem einen oder anderen Schüler, der am 25. August 2009 in die Aula unseres Gymnasiums gekommen war, bereits bekannt. An diesem Dienstag hatten diese Schülerinnen und Schüler nun Gelegenheit, Esra Jurmann persönlich kennen zu lernen und zu hören, wie er, der 1929 geboren wurde, die Zeit des Nationalsozialismus in Pirna und Dresden und später im Rigaer Ghetto sowie im Konzentrationslager erlebt und überlebt hat. Die Jahre seiner Verfolgung und Befreiung standen auch im Mittelpunkt der Fragen, die Schüler/innen und Lehrer/innen an Herrn Jurmann gestellt haben.

Schilderung von Tom

Es ist Dienstag. Hofpause. Wir, der deutsche Teil der Klasse 8/3, wissen, dass wir die nächsten beiden Unterrichtsstunden in der Aula verbringen werden. Aber wir wissen nicht wirklich, was uns erwartet! Als wir dann die Aula betreten, sitzen dort bereits schon viele Schüler. Vorn steht ein Tisch mit Mikrophon und allerlei Unterlagen. An diesem Tisch sitzen zwei ältere Herren. Einer von ihnen stellt sich uns kurz darauf als Esra Jurmann vor.

Wir setzen uns und warten gespannt, was Esra Jurmann denn zu erzählen hat! Ich bin ein wenig ungeduldig. Aber da ergreift Herr Jurmann das Wort. In den Zuhörerreihen der Aula wird es mucksmäuschenstill. Alle lauschen der ruhigen und überlegten Stimme des Redners.

Von Beginn an bin ich gefesselt von seinen Worten. Herr Jurmann wurde 1929 als Sohn jüdischer Eltern in Pirna geboren. Er wuchs eigentlich wie ganz „normale“ andere Kinder auch auf. Er ging zur Schule und verbrachte die Nachmittage mit Freunden. Doch dann kam der 10. November 1938, der Tag nach der Reichskristallnacht. Ich weiß, dass in jener Nacht sämtliche Synagogen und jüdische

Geschäfte in Deutschland von den Nazis zerstört wurden. Noch bevor Herr Jurmann weiterspricht, ahne ich bereits, dass dieser Tag auch bei ihm unauslöschliche Spuren hinterlassen haben muss. Interessiert verfolge ich die weiteren Ausführungen.

Zwischendurch ergreift auch der andere Mann an Herrn Jurmanns Seite das Wort. Es ist Herr Hugo Jensch aus Pirna, ehemaliger Geschichtslehrer und ein Freund von Herrn Jurmann, der heute Herrn Jurmann bei seiner Lesung unterstützt.

Herr Jurmann teilt uns seine Erinnerungen zum 10. November 1938 mit. Esra ging wie jeden Tag zur Schule. Doch gleich am Anfang der ersten Stunde kam der Lehrer zu ihm und übergab einen Brief vom Schulleiter mit folgenden Zeilen: „Um Unannehmlichkeiten vorzubeugen wird Ihr Sohn Esra mit Wirkung vom heutigen Tage an beurlaubt bis zur Überführung an die jüdische Schule in Dresden“. Esra begab sich daraufhin zum Geschäft seiner Eltern in Pirnas Innenstadt unmittelbar am

Markt. Vor dem Geschäft standen viele Menschen, die eine Gasse bildeten, als der Sohn der Ladenbesitzer kam. Esra erblickte vor sich einen vollkommen zertrümmerten Laden. Noch am gleichen Nachmittag wurde der Vater verhaftet. Man brachte ihn nach Buchenwald, bis er sein Eigentum an die Nationalsozialisten übergeben hatte. Noch 1938 mussten Esra, seine Mutter und der ältere Bruder Pirna, das judenrein gemacht wurde, verlassen. Der Vater kehrte nach 9 Wochen Buchenwald nochmals zu seiner Familie zurück. Durch ein höchstwahrscheinlich illegales Visum, ausgestellt mit Hilfe des englischen Botschafters, einem gläubigen Christen, der sich wohl verpflichtet fühlte, anderen zu helfen, konnte Esras Vater kurz

vor Kriegausbruch aus Nazideutschland flüchten und in England untertauchen. Dann brach der Krieg aus. Esra musste jetzt den Davidstern auf der linken Brustseite tragen. Im Januar 1942 wurde der Mutter mitgeteilt, dass sie und ihre beiden Söhne für einen Evakuierungszug vorgesehen sind. Sie durften vor Transportantritt frei einkaufen, was Juden vorher nicht möglich war. Es war erlaubt, Proviant für vier Tage sowie einen Koffer pro Person mitzunehmen. Es mussten aber auch 60 Mark pro Kopf für die Reise bezahlt werden. Dabei wussten sie nicht einmal, wohin die Reise gehen sollte!

An dieser Stelle von Herrn Jurmanns Erinnerungen bin ich ziemlich aufgeregt. Erst vor Kurzem habe ich einen Film gesehen, in dem Juden unter grauenvollsten Umständen ins KZ Auschwitz-Birkenau verschleppt wurden. Und nun höre ich dieses unvorstellbare Schicksal aus dem Munde eines Betroffenen.

Esra wurde mit seiner Familie in das Ghetto Riga verschleppt. Ich bin traurig, dass Menschen, noch dazu Kinder, solch ein Leid, solch eine Angst und solche Strapazen erleben und überstehen mussten. Und mir ist klar, dass auch heute noch viele Männer, Frauen und Kinder aufgrund von Kriegen ähnlich Schreckliches durchleben müssen.

Im Ghetto von Riga litt man an Hunger und Kälte. Nur durch glückliche Umstände widerfuhren Esra die besten Bedingungen, um zu überleben. Mit seinem vierzehnten Geburtstag wurde Esra arbeitsfähig. Er arbeitete als Gärtner für die SS im Lager, bis das Ghetto auf Himmlers Befehl aufgelöst wurde. Die Jurmanns kamen nach Strasdenhof, einem Nebenlager des KZ Kaiserwald. Hier arbeitete Esra weiter als Gärtner. Und da er für den Kompost Kartoffelschalen und anderes Essbares brauchte, musste er nicht mehr hungern! Ich spüre, wie meine bisherige Beklemmung sich ein wenig löst. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, ständig unter Hunger zu leiden. Doch dann spricht Herr Jurmann davon, dass seine Mutter bei einer der zahlreichen Aussonderungen weggebracht wurde. Er sah sie nie wieder.

Ich versuche, mich in diese Situation hineinzuversetzen. Dabei schwirren durch meinen Kopf viele Warum-Fragen. Warum konnte so etwas Sinnloses passieren? Warum können Menschen anderen Menschen so etwas antun? Herr Jurmann spricht noch von seiner Zeit als Küchenjunge und von allen weiteren

Strapazen, die er mit viel Glück überlebte, sein Bruder jedoch nicht. Als er den Tod seines Bruders erwähnt, muss ich an Anne Frank und ihre Schwester denken. Mir fällt auf, wie viele Parallelen es zwischen den Familien Jurmann und Frank gibt. Und für einen ganz kurzen Augenblick schweifen meine Gedanken sogar ab. Ich denke an meinen Uropa, den ich ja nie kennenlernte, denn er musste in diesem Krieg für die Deutschen irgendwo in Russland kämpfen und kehrte nie zurück. So viele sinnlose Opfer in so vielen Familien. So ein Wahnsinn, denke ich und höre dabei, wie Herr Jurmann jetzt vom 23. März 1945 spricht. Und das fesselt meine Aufmerksamkeit wieder hundertprozentig. Auf den Tag genau 51 Jahre vor meiner Geburt kamen die Russen in das Lager Burggraben und befreiten die Juden, auch Esra. Mir wird in diesem Moment bewusst, dass der 23. März also für uns beide ein besonderer Tag ist! Esra Jurmann kam schließlich auf den verschiedensten Wegen über Pirna und Dresden bis nach England, wo er durch mehrere glückliche Zufälle seinen Vater fand.

Herr Jurmann hat seine Geschichte erzählt. Mit gemischten Gefühlen, bestehend aus Trauer um die Verstorbenen und Glücklichsein darüber, dass Herr Jurmann bei all dem Elend so viel Glück hatte, sitze ich auf meinem Stuhl. Endlich können wir Fragen stellen.

Ich möchte unbedingt wissen, wie es war, als man mitbekam, wohin der Evakuierungszug tatsächlich fuhr. Und mich interessiert, wie der Tag der Befreiung war. Außerdem frage ich, was Herr Jurmann bei den Geschehnissen am 10. November 1938 empfunden hat. Auch andere Mitschüler stellen Fragen. Dadurch wird mir die Gegenwart wieder bewusster. Ich bin wirklich froh, in der heutigen Zeit zu leben.

Nachdem Herr Jurmann sich für die Aufmerksamkeit bedankt und sich verabschiedet hat, verlasse ich nachdenklich die Aula. Im Laufe dieses Tages denke ich immer wieder an den Vortrag des Zeitzeugen Esra Jurmann zurück. Dabei wird mir irgendwann schlagartig klar, dass es bald keine lebenden Zeitzeugen mehr geben wird. Ich empfinde plötzlich tiefe Dankbarkeit, dass ich die Lebensgeschichte des in Pirna geborenen Esra Jurmann von ihm selbst hören konnte. Und ich bedauere, ihm das nicht gesagt zu haben.

Tom Wolter

Schilderung von Lucas

Es ist ein sehr warmer Tag, Dienstag, der 25.08.2009, um genau zu sein. Der Deutschunterricht fällt heute sozusagen aus und stattdessen befinde ich mich mit meiner Klasse 8/3 zusammen mit 2 anderen Klassen in der Aula unseres Schulgebäudes in Pirna. Vorn an einem Tisch sitzen Esra Jurmann und sein Freund Hugo Jensch. Ich bin sehr gespannt... platze fast vor Neugier. Denn Esra Jurmann ist nicht irgendwer. Er ist ein Zeitzeuge der Geschichte. Zeitzeuge des Abschnitts von Adolf Hitler und des Dritten Reichs. Heute berichtet er von seiner Kindheit. Von der Zeit des judenreinen Deutschlands – eine grausame Zeit.

Hier raschelt oder knistert es, da kichert irgendjemand. Es ist nicht leise, allerdings auch nicht sooo laut wie bei anderen Reden. Jetzt bekommt Esra Jurmann ein Mikrofon auf den Tisch gestellt. Er räuspert sich kurz, hustet ins Mikrofon und auf einmal herrscht eine Totenstille. Jeder schweigt plötzlich wie ein Grab... bis Herr Jurmann das Wort ergreift und mit dem Satz: „Don’t believe the Hype!“ beginnt. Er mustert mich für eine kleine Weile und schon drehen sich die Ersten zu mir um und betrachten die Aufschrift auf meinem T-Shirt, welches ich gerade trage. „Glaube nicht an die Übertreibungen – Das ist ein guter Anfang für die Geschichte, die ich euch nun erzähle...“ Er sagt es in einer so authentischen Art, dass mir klar wird: Er weiß, wovon er redet. Esra hustet sehr stark und hat deswegen auch ein Glas Wasser und eine Wasserflasche auf dem Tisch vor sich stehen. Plötzlich bekommt Esra Jurmann einen starken Hustenanfall und Herr Jensch flüstert leise ins Mikrofon, dass es Gesundheitsschäden vom Rauchen sind. Esra Jurmann beginnt von seinen Erfahrungen in Pirna zu erzählen. Dort hatte sein Vater am Markt ein Bekleidungsgeschäft, welches in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 von den Nazis zerstört wurde. Es muss eine traurige Nacht gewesen sein. Ich meine... wie fühlt man sich, wenn man sich eine Existenz aufgebaut hat und innerhalb einer Nacht wird diese zerstört? Ich wäre zu Tode betrübt, wüsste nicht mehr, wie es weitergehen soll, könnte mich an nichts mehr freuen und würde mich von allen verlassen fühlen. Am Morgen nach der so genannten Kristallnacht ging Esra Jurmann noch in die Schule, wurde aber von seinem Lehrer nach Hause geschickt, mit der Begründung, dass es zur Vorsorge diene. Damit es keine schulischen Probleme gibt. Von seiner eigenen Schule ausgeschlossen zu werden... was muss das für ein Gefühl sein? Und das allein nur, weil er ein Kind jüdischer Eltern ist... Da stand vor dem Geschäft schon eine Menschenmenge, die den Schaden betrachtete. „Als ich näher kam, sah ich die zertrümmerten Fenster und die Bruchstücke, die herumlagen.” Auf einem Fenster, das noch ganz war, war Jude draufgepinselt, was die Nazis einige Zeit vor der Zertrümmerung nächtlich zu tun pflegten. Nur weil man einer anderen Religion angehört... Wie soll man sich das denn heute vorstellen... zum Beispiel im Sportunterricht: „Nein, ich spiel sicher nicht zu dir, du bist Jude...!“? Noch im selben Jahr verließ die Familie Jurmann Pirna. Jurmann schildert, wie die Familie nach der Flucht aus Pirna nach Dresden kam, wo sie im Januar 1942 den Deportationsbefehl erhielt. Welch Perversion: Für die „Reise“ – welche ja eine Bestrafung ist - mussten 60 Mark entrichtet werden. Auf dem Bahnhof Dresden-Neustadt bekamen die Jüdinnen und Juden den ersten Eindruck von dem, was sie später erwarten würde: „Gestapo und SS-Leute schrien und schlugen, und wir waren anfangs fassungslos über diese Brutalitäten.“ Man dachte zuerst, dass man irgendwo nach Polen geschleppt wurde... ja man „freute“ sich schon darauf, bis über Polen und Litauen der Transport nach Lettland gelangte. Damit bestätigten sich die Befürchtungen einiger Zuginsassen, dass sie Gefangene des Rigaer Ghettos werden würden. Kurz nach Einnahme der Stadt durch deutsche Truppen am 1. Juli 1941 kam es zu pogromartigen Übergriffen gegen Juden, bei denen sich lettische Nationalisten hervortaten und binnen dreier Monate mehr als 6.000 Personen in Riga und Umgebung töteten...einfach so, weil sie Lust dazu hatten? Ich wäre so hilflos gewesen... Jederzeit hätte es einen selber treffen können... der Tod. Weiter beschreibt Esra Jurmann seine Geschichte: Wie viele andere kam er 1944 über die Ostsee ins Konzentrationslager Stutthof, 37 Kilometer östlich von Danzig... ein weiterer grauenvoller Umzug. Da die Front immer näher rückte, evakuierten die Nazis Stutthof und Esra kam ins ußenlager Burggraben. Dort erlebte er am 23. März 1945 die Befreiung durch die Rote Armee. Zunächst hätte ich es gar nicht registriert... nach Jahren der Gefangennahme frei zu sein...Und erst am nächsten Tag realisierte er überhaupt erst einmal langsam, was passiert war. Er muss wahrscheinlich außer sich vor Freude gewesen sein, gejubelt und gelacht haben, Freudentränen vergossen haben und überglücklich gewesen sein. Und mich überkommt plötzlich auch eine Welle von Mitleid und Freudentränen. Ein Mensch, der so eine Geschichte verkörpert und trotzdem andere, junge Menschen noch begeistert. Damit war Esra Jurmann nun frei. Außerdem erzählt er immer von seinem Glück - welches er gehabt hatte – und dem er sein Leben zu verdanken hat. Er durfte im Ghetto als Gärtner arbeiten (das war damals so etwas wie eine Lebensversicherung, denn es brachte zusätzliches Essen) und im KZ als Koch – der Hauptpreis in einem Konzentrationslager. Er machte sich nun auf den Weg, seinen Vater zu suchen. Den fand er – letztendlich wieder nur durch Glück – über viele Umwege: Moskau, wieder Dresden – wo er zwei Briten traf, die ihn nach England zu seinem Vater brachten. Seine Rede ist nun zu Ende und jetzt dürfen wir endlich die Fragen stellen, die uns während der Geschichte eingefallen sind. Tom – ein Klassenkamerad von mir – hat anscheinend sehr viele Fragen. Er meldet sich gleich zu Beginn und stellt eine Frage, über die ich mir auch schon den Kopf zerbrochen habe: „Was wäre geschehen, wenn Sie nicht diese riesige Glückssträhne gehabt hätten? Haben Sie schon mal darüber nachgedacht?“ Sofort entgegnet Herr Jurmann, dass er sich darüber erst gar keine Gedanken machen möchte. Es war nun mal so, und er dankt Gott dafür. Eigentlich hat er ja überhaupt nichts gemacht. Wie von einer magischen Hand wurde er von Ort zu Ort

immer zum besten, vorteilhaftesten Ziel geführt. Die nächste Frage: „Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie erfuhren, dass es nicht nach Polen, sondern ins Ghetto nach Riga ging?“ Er gibt zu, dass er schon sehr enttäuscht gewesen war, denn er hoffte, dass er in Polen Freunde und Bekannte antrifft. Ich wäre todtraurig, denn wenigstens ein wenig Sicherheit von ein paar Kameraden hätte ich mir ja schon erhofft. Denn dann fehlt ja auch jegliche Kommunikationsmöglichkeit. Nun ja...es kommen noch viele weitere Fragen dazu, die er immer sehr bedrückt beantwortet.

Nach einem langen und kräftigen Applaus können wir nun wieder in unsere Klassenräume zurück. Und letztendlich lässt sich sagen... Dieser Tag wird mir lange in Erinnerung bleiben.

Lucas Paeth

Lesung mit Esra Jurmann von Lilli

Die Aula ist nicht ganz gefüllt, trotzdem ist das laute Gemurmel kaum zu überhören. Ein gespanntes, fragendes Gemurmel. Es ist Dienstag, der 25. August, die Uhr geht auf 10:15 zu.

Vor uns allen sitzen zwei Männer. Der rechte sieht vom Leben gezeichnet aus, ich denke mir: „Das muss Esra Jurmann sein.“ Ein Jude, der im zweiten Weltkrieg lebte, so stellt man ihn sich vor. Wer der linke Mann ist, weiß ich nicht. Er sieht jünger aus. Ich richte meinen Blick erwartungsvoll nach vorn, als der rechte der beiden Männer das Wort erhebt. Das Gemurmel verebbt langsam. Er stellt sich tatsächlich als Esra Jurmann vor und seinen Nachbarn als Hugo Jensch. Ich frage mich, was ich jetzt hören werde, dass es schrecklich sein muss, weiß ich. Weiß ich aus Büchern und Geschichten, aber noch nie habe ich jemanden so ausführlich vom zweiten Weltkrieg erzählen hören, jemanden der selbst dabei war. Was für schreckliche Erinnerungen müssen im Kopf dieses Mannes sein?? Und dann beginnt Esra Jurmann zu erzählen von einer schrecklichen Zeit, der Zeit seiner Kindheit. Wie er vertrieben wurde aus Pirna, wie er ins Rigaer Ghetto kam und ins KZ Stutthof. Er erzählt, wie er litt, hungerte, fror. Er erzählt von der täglichen Begegnung mit dem Tod. Er erzählt, wie er Mutter und Bruder verlor, aber auch, dass er immer wieder Glück hatte. Glück, das sich wie ein roter Faden durch diese Zeit zog, einer dünner Faden Glück und Hoffnung, welcher ihn überleben ließ.

Bei all diesen Grausamkeiten läuft es mir kalt den Rücken herunter. Hinter mir tuschelt jemand, doch ich kann jetzt nicht sprechen. In meinem Hals sitzt ein Kloß, der immer größer zu werden scheint und mir die Kehle zuschnürt, ein Kloß Traurigkeit. Wie können Menschen nur zu so etwas fähig sein, frage ich mich beim Gedanken an all die Nazis, die nicht nur Esra Jurmann gequält haben, sondern mit ihm Millionen anderer Menschen. Jetzt ist Esra Jurmann fertig mit seiner Erzählung, eine Menge Fragen werden gestellt. Er beantwortet sie alle. Er beantwortet sie so, als wäre es etwas Normales, etwas Alltägliches zu hungern, zu leiden, zu sterben. Irgendwann beendet er dann die Fragerunde, alle gehen langsam aus der Aula.

Ich kann immer noch nicht sprechen.

Ich bin immer noch so traurig.

Traurig über das, was ich gehört habe.

Lilli Arlt

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